Was passiert, wenn ein Schweizer Unternehmen sein Kapital erhöht
Eine Kapitalerhöhung erscheint im SHAB, nachdem sie im Handelsregister eingetragen wurde. Für den Vertrieb liefert die Meldung einen Anhaltspunkt: Sie zeigt, wann sich das Kapital des Unternehmens verändert hat und wie die Einlage geleistet wurde.
Prüfen Sie zuerst die Liberierungsart, also wie die Einlage geleistet wurde. Eine Barliberierung kann auf frisches Kapital hinweisen. Bei einer Sacheinlage erhält das Unternehmen einen Vermögenswert. Bei einer Verrechnung wird eine bestehende Forderung in Eigenkapital umgewandelt. Die weiteren Angaben in der Meldung helfen Ihnen einzuschätzen, ob das Unternehmen damit sein Wachstum finanziert oder seine Bilanz bereinigt.
Die SHAB-Meldung lesen
Diese Felder zeigen Ihnen, was sich geändert hat und wie die neuen Anteile bezahlt wurden:
| Feld | Bedeutung |
|---|---|
| Aktienkapital / Stammkapital bisher / neu | Bisheriges und neues Kapital. Die Differenz ist die Erhöhung des eingetragenen Kapitals. Wie viel frisches Geld zufliesst, lässt sich daraus allein nicht ablesen. |
| Liberierung | Wie viel einbezahlt wurde. «Voll liberiert» heisst, dass die erforderliche Einlage vollständig geleistet wurde. Prüfen Sie die Liberierungsart, bevor Sie von einer Barzahlung ausgehen. |
| Barliberierung / Sacheinlage / Verrechnung | Art der Einlage: Barzahlung, Sacheinlage oder Verrechnung. |
| Namenaktien / Inhaberaktien | Art der Aktien. Die Aktionäre sind unter Umständen nicht vollständig aufgeführt. |
| Eingetragene Personen (neue Einträge) | Neue Verwaltungsratsmitglieder oder Zeichnungsberechtigte, die zusammen mit der Kapitalerhöhung eingetragen wurden. |
| Zweck (falls geändert) | Ein geänderter Zweck kann auf eine neue Geschäftstätigkeit hinweisen. Wofür die Mittel eingesetzt werden, geht daraus nicht hervor. |
Angenommen, eine Meldung weist eine Erhöhung des eingetragenen Kapitals von CHF 100'000 auf CHF 200'000 durch Barliberierung aus. Sie können daraus schliessen, dass das Nominalkapital um CHF 100'000 gestiegen ist und die neuen Anteile bar bezahlt wurden. Um den gesamten Ausgabepreis zu ermitteln, benötigen Sie weitere Angaben, da ein allfälliges Agio nicht zum eingetragenen Kapital zählt.
Steht bei der Liberierungsart stattdessen Verrechnung, wurde eine Forderung von CHF 100'000 in Eigenkapital umgewandelt. Dabei ist kein frisches Geld in das Unternehmen geflossen.
Ist frisches Geld geflossen?
Die Liberierungsart bestimmt, ob dem Unternehmen frische Mittel zugeflossen sind:
- Barliberierung: Die Zeichner zahlen den Gegenwert der neuen Anteile in bar. Das ist der klarste Hinweis auf frische Mittel.
- Sacheinlage: Das Unternehmen erhält einen Vermögenswert wie Immobilien oder geistiges Eigentum anstelle von Geld. Dafür ist ein Prüfungsbericht eines zugelassenen Revisors erforderlich.
- Verrechnung: Eine bestehende Forderung gegen die Gesellschaft wird in Eigenkapital umgewandelt. Zum Beispiel kann ein Gesellschafterdarlehen in Stammkapital umgewandelt werden. Dabei fliesst kein frisches Geld ins Unternehmen.
Eine Barliberierung ist das klarste Finanzierungssignal. Wofür das Unternehmen das Geld einsetzen will, geht daraus allerdings nicht hervor.
Ein allfälliges Agio kommt zur nominalen Erhöhung hinzu. Wurde die Einlage bar geleistet, kann der tatsächliche Ausgabepreis somit höher sein als die Erhöhung des eingetragenen Kapitals.
Welche Gründe gibt es für eine Kapitalerhöhung?
Die Meldung nennt selten den Grund für die Erhöhung. Anhand der Begleitumstände können Sie mögliche Gründe eingrenzen.
Wachstumsfinanzierung
Eine grosse Barkapitalerhöhung kann der Finanzierung von Wachstum dienen. Prüfen Sie, ob das Unternehmen Personal aufbaut, den Eintritt in einen neuen Markt ankündigt, seine Führung wechselt oder ein Produkt lanciert. Solche Hinweise sprechen dafür, dass das Unternehmen wachsen will. Die Kapitalerhöhung allein gibt noch keine Auskunft darüber, wofür die Mittel vorgesehen sind.
Einstieg eines Investors
Eine Kapitalerhöhung fällt manchmal mit der Wahl eines neuen Verwaltungsratsmitglieds zusammen, das einem Investor oder Fonds zuzuordnen ist. Die tatsächliche Investition ist fast immer höher als die nominale Erhöhung, weil Aktien mit einem Agio ausgegeben werden. Beispielsweise könnte ein Investor CHF 2 Millionen für Aktien zahlen, deren Nennwert insgesamt CHF 100'000 beträgt. Um die gesamte Investitionssumme zu belegen, brauchen Sie eine weitere Quelle.
Sanierung
Das Schweizer Recht verlangt Massnahmen, wenn eine Gesellschaft mehr als die Hälfte ihres Kapitals verloren hat (Art. 725b OR). Eine Kapitalerhöhung, die auf eine Kapitalherabsetzung folgt (sogenanntes «Harmonika-Verfahren»), deutet oft auf eine Sanierung hin. Beide Ereignisse erscheinen im SHAB in engem zeitlichem Abstand. Behandeln Sie diesen Fall anders als eine eigenständige Barkapitalerhöhung.
Weitere Erklärungen
Auch die Bedingungen einer Lizenz oder eines Finanzierungsvertrags können eine Kapitalerhöhung erforderlich machen. Prüfen Sie, ob dazu eine aufsichtsrechtliche Meldung vorliegt, bevor Sie die Erhöhung als Wachstumssignal einordnen. Eine Erhöhung kann auch im Zuge eines Rechtsformwechsels oder einer konzerninternen Umstrukturierung erfolgen. Prüfen Sie die übrigen Einträge derselben Publikation, bevor Sie von neuem Kapital ausgehen.
Kapitalerhöhungen als Vertriebssignal nutzen
Eine Kapitalerhöhung belegt eine Veränderung des eingetragenen Kapitals. Die Liberierungsart und die Begleitumstände bestimmen, ob das Unternehmen dadurch mehr finanziellen Spielraum erhält.
Gleichzeitige Signale prüfen
Stellt das Unternehmen neue Mitarbeitende ein? Prüfen Sie auch, ob es seinen Zweck erweitert hat, umgezogen ist oder seine Webseite in diesem Monat verändert hat. Zwei Veränderungen, die klar zusammenhängen, liefern einen stärkeren Anhaltspunkt als die Kapitalerhöhung allein.
Den Anlass der Kapitalerhöhung einordnen
Eine Kapitalerhöhung, die von einer Kapitalherabsetzung begleitet wird, ist eine Sanierung. Eine Verrechnung wandelt eine bestehende Forderung um, ohne frisches Geld einzubringen. Eine GmbH, die ihr Kapital von CHF 20'000 auf CHF 21'000 erhöht, liefert ein schwaches Finanzierungssignal, solange weitere Hinweise auf einen Finanzierungsbedarf fehlen.
Den richtigen Zeitpunkt für die Kontaktaufnahme finden
Im Prospex-Archiv beträgt der mediane Abstand zwischen Rechtswirksamkeit und SHAB-Publikation fünf Tage. Beginnen Sie Ihre Recherche, sobald die Meldung erscheint. Der beste Zeitpunkt für eine Kontaktaufnahme hängt davon ab, welche weiteren Veränderungen sich abzeichnen: Personalaufbau, Führungswechsel, Adressänderung oder Produktlancierung. Orientieren Sie sich an diesen Ereignissen, statt eine feste Frist abzuwarten.
Rechtlicher Hintergrund
Die meisten Kapitalerhöhungsmeldungen betreffen eine AG oder eine GmbH. Bei einer ordentlichen Erhöhung beschliesst die Versammlung die Änderung, und der Verwaltungsrat vollzieht sie durch eine notarielle Beurkundung. Das neue Kapital wird nach dem Eintrag im Handelsregister im SHAB veröffentlicht. Bei der GmbH ist das Verfahren ähnlich, erfordert aber in jedem Fall einen Beschluss der Gesellschafterversammlung.
Seit der Aktienrechtsrevision von 2023 können Aktionäre einer AG dem Verwaltungsrat ein Kapitalband einräumen. Innerhalb dieses Bandes kann der Verwaltungsrat das Kapital ohne erneuten Versammlungsbeschluss erhöhen oder senken. Eine Erhöhung innerhalb des Kapitalbands wird ebenfalls im Handelsregister eingetragen. Um sie als Vertriebssignal einzuordnen, prüfen Sie auch hier die Liberierungsart.
Wie häufig sind Kapitalerhöhungen in der Schweiz?
Prospex hat in den letzten fünf vollständigen Kalenderjahren zwischen 1'440 und 1'553 Kapitalerhöhungen pro Jahr erfasst, im Durchschnitt rund 1'500 pro Jahr. Quelle: Prospex-Archiv der SHAB-Publikationen, Stand: 18. Oktober 2026.
Die Zählung umfasst ausschliesslich die von Prospex erfassten Erhöhungen.
Viele Erhöhungen fallen klein aus, etwa wenn eine GmbH ihr Stammkapital von CHF 20'000 auf CHF 40'000 erhöht. Für eine erste Auswahl achten Sie auf AGs mit Erhöhungen von CHF 100'000 oder mehr und gleichzeitigen Änderungen bei den Zeichnungsberechtigten.
Weiterführende Quellen
- Obligationenrecht (OR), Art. 650 ff., die gesetzliche Grundlage für Kapitalerhöhungen bei Schweizer Aktiengesellschaften.
- SHAB, das offizielle Publikationsorgan, in dem Kapitalerhöhungen veröffentlicht werden.
- Zefix, um den aktuellen Registereintrag eines Unternehmens nach Firma oder UID nachzuschlagen.